DSLR oder kompakte Systemkamera?

Kompakte Systemkamera gefällig? Klare Worte zu den “neuen Kompakten”. Und zur Stellung digitaler Spiegelreflexkameras – heute und morgen.
Von Thomas Bauer

Spiegellose Systemkameras sind beliebt – man kann von einem Boom der “neuen Systemkameras” sprechen, die trotz ihrer kompakten Bauweise Wechselobjektive ermöglichen. Immer mehr Neukäufer legen Wert auf kompakte Abmessungen bei geringem Gewicht und ziehen oft die kompakten Systemkameras einer digitalen Spiegelrefexkamera vor. Jede Kaufentscheidung ist dabei ein gewisser Kompromiss – denn die „eierlegende Wollmilchsau“ ist auch in der Fotografe bis heute ein unerfüllter Traum. Wer sich den Vorteilen, aber auch den Einschränkungen einer kompakten Systemkamera bewusst ist, wird seinen Kauf nicht bereuen. Dieser Artikel soll die idealen Einsatzgebiete beider Systeme aufzeigen und hilfreich zur Kaufentscheidung beitragen.

Kompakte Systemkameras

Was ist eine Systemkamera?

Zunächst sagt der Name nur aus, dass hinter der Kamera auch ein System steckt. Man legt sich mit dem Kauf einer kompakten Systemkamera nicht auf ein endgültiges Produkt fest, sondern kann das Kameragehäuse nachträglich beispielsweise mit verschiedenen Objektiven ausstatten. Dazu sollte man das System getrennt betrachten. Einerseits ist da der sogenannte Kamerabody, also das reine Gehäuse mit Bildsensor, Display, Bedienelementen und Co. Durch einen Bajonettverschluss können andererseits verschiedene Objektive angesetzt werden und je nach Einsatzgebiet passend ausgewählt werden: Weitwinkel, Telezoom, Makro, etc.

Vergleich: Spiegelreflexkameras und kompakte Systemkameras

Sucher:
Wenn man es genau nimmt, ist auch eine DSLR eine Systemkamera. Einen großen Unterschied kann man aber auch hier wieder im Namen erkennen. Während Spiegelreflexkameras immer einen optischen Sucher haben, der das aufzunehmende Bild durch einen Spiegel bzw. Prismen-System direkt durch das Objektiv zum Sucher lenkt, verzichten spiegellose Kameras darauf. Zur Wahl des Bildausschnittes kann man bei manchen kompakten Modellen nur das rückwärtige Display nutzen, andere haben einen kleinen, digitalen Sucher. Modelle ohne Sucher lassen sich häufig auch durch Aufstecksucher aus dem Zubehör-Sortiment aufrüsten, ein echter optischer Sucher ist bei kompakten Systemkameras nur sehr selten verbaut. Allerdings ergibt sich daraus auch ein kleiner Vorteil für die Spiegellosen: Da kein Spiegel-Element im Inneren hochklappen muss, sind kompakte Systemkameras im Vergleich zu DSLRs deutlich leiser, was speziell in Kirchen oder auf Konzerten von Vorteil sein kann.

Bildsensor:
Durch die kompakten Abmessungen kleiner Systemkameras ist der verbaute Sensor meist deutlich kleiner. Während digitale Spiegelreflexkameras fast ausschließlich einen Sensor der APS-C Klasse (ca. 24x16mm) haben , verfügen Systemkameras wie beispielsweise die Olympus Pen E-P2 als Vertreter der„Micro-FourThirds“ oftmals über kleinere Sensoren (4/3 Zoll mit ca. 17x13mm). Darunter leidet die Bildqualität, denn ein großer Sensor sorgt durch geringere Pixeldichte in der Regel für rauschärmere Bildergebnisse bei hohen ISO-Werten. Außerdem bietet er einen größeren kreativen Spielraum, da er ein besseres Freistellungspotential hat – also das Hauptmotiv leichter durch eine geringe Schärfentiefe vom Hintergrund trennen kann. Mittlerweile gibt es allerdings spiegellose Systemkameras, die einen Sensor der APS-C Klasse verbaut haben. Vertreter dieser Klasse sind beispielsweise die Samsung NX200 oder die Sony NEX-7.

Autofokus:
Was öffentlich meist in den Hintergrund rückt, ist der Unterschied des verbauten Autofokussystems. Der Phasen-Autofokus digitaler Spiegelreflexkameras ist in der Regel schneller als von kompakten Kameras und spielt seine Geschwindigkeit und Treffsicherheit vor allem bei schlechten Lichtverhältnissen aus. Der Kontrast-AF spiegelloser Systemkameras ist zwar mittlerweile recht ausgereift, hinkt aber speziell bei kontrastarmen Motiven (oder wenig Licht) deutlich hinter der bewährten Phasen-Technik hinterher. Bei der Fotografie bewegter Motive ist eine DSLR noch klarer im Vorteil, denn hier muss der Autofokus dauerhaft nachjustieren. Trotzdem ist der Kontrast-Autofokus der meisten Systemkameras heutzutage praxistauglich, wenn auch mit Einschränkungen. Eine Ausnahme macht beispielsweise Nikon mit seiner J-1: Die kleine Systemkamera nutzt je nach Situation wahlweise Phasen- oder Kontrast-Autofokus und ist dank dieser Hybridlösung im Phasen-AF-Betrieb sehr flink unterwegs. Da der Boom der spiegellosen Zwerge gerade erst richtig beginnt, kann man hier in naher Zukunft noch weitere Innovationen erwarten.

Ähnliche Kosten und Auswahl an Zubehör:
Vom Preis kann man die Kaufentscheidung kaum abhängig machen. Im Bereich der digitalen Spiegelreflexkameras gibt es sehr hochwertige und leistungsfähige Einsteigermodelle zu erschwinglichen Preisen, während man bei empfehlenswerten kompakten Systemkameras ähnlich tief in die Tasche greifen muss. Sowohl für eine Olympus PEN E-PL3, als auch für eine Nikon D3100 werden im Bundle mit einem Kitobjektiv ca. 500 Euro fällig. Auch bei den Objektiven gilt: Für hochwertiges Glas muss investiert werden – und das gleichermaßen bei Systemkameras und DSLRs.

Die Auswahl an Zubehör und die Vielfältigkeit des Objektivparks von DSLRs und Kompakten Systemkameras gleicht sich mittlerweile zunehmend an. Während zu frühen Zeiten der ersten spiegellosen Systeme das Objektiv- und Zubehörsortiment sehr überschaubar war, produzieren heute auch typische DSLR-Dritthersteller bereits Objektiv-Varianten für spiegellose Systeme. Der aufstrebende Markt ambitionierter Hobbyfotografen möchte bedient werden – und das haben alle Hersteller längst erkannt. Für fast jedes spiegellose System gibt es eine umfassende Auswahl an passenden Spezialobjektiven oder Blitzgeräten. Zwar ist die Produktpalette für DSLRs immer noch am viefältigsten, wirkliche Lücken im Sortiment der Spiegellosen findet man allerdings kaum. Geht der Trend so weiter, wird es in naher Zukunft zwischen den beiden Systemen in Sachen Zubehör keine Unterschiede mehr geben.

Vor- und Nachteile beider Welten

Abmessungen und Gewicht:
Der größte Vorteil einer spiegellosen Systemkamera ist zweifelsfrei ihre Kompaktheit. Kleine Abmessungen und ein meist deutlich geringeres Gewicht sorgen schlicht und einfach für eine geringere Hemmschwelle, die Kamera auf Ausflügen mitzunehmen. DSLR-Besitzer werden das kennen: Auf einer anstrengenden Bergtour noch die Spiegelrefexkamera mit 2-3 Objektiven mitschleppen? „Nein Danke, da nehmen wir lieber die Kompaktkamera der Freundin mit.“ Als kleine, aber dennoch qualitativ hochwertige Alternative setzen hier die spiegellosen Systemkameras an. Punkt für die Systemkameras!

Systemkameras und DSLRs im Vergleich

Der Vorteil hinsichtlich Abmessungen und Gewicht geht allerdings noch weit über das Kameragehäuse hinaus. Auch bei den angesetztem Objektiven zeigt sich ein ähnliches Bild. Objektive mit vergleichbarem Brennweitenbereich und ähnlicher Lichtstärke sind bei Systemkameras fast ausnahmslos kleiner, deutlich leichter und erreichen (bei gleicher Preisklasse) durchaus sehr gute optische Leistungen.

Bedenken sollte man aber eines:

Möchte man Spezialobjektive nutzen, hat man auch an der Systemkamera schnell ein großes Objektiv, das in keinem Verhältnis zur Kameragehäuse-Größe steht. Der Faktor Kompaktheit kommt also in vollem Maße nur zum tragen, wenn man an der spiegellosen Systemkamera auch kompakte Optiken, kleine Festbrennweiten oder Pancakes nutzt. Bei schweren und etwas größeren Optiken ist die DSLR wieder im Vorteil – dort ist das Verhältnis von Objektiv zu Kameragehäuse angenehmer austariert und das Handling angenehmer. Unsere Grafik zeigt anschaulich, wie sich zwei typische Standardzooms für die beiden Systeme auf den ersten Blick deutlich in Sachen Abmessungen unterscheiden. Auch das Gewicht spricht eine klare Sprache und bestätigt abermals den Vorteil der Systemkameras, wenn leichtes Gepäck gefragt ist.

Bedienkonzept und Sucher

Die Bedienung einer spiegellosen Systemkamera ist trotz ihrer Kompaktheit bereits sehr pfiffig gelöst. Die meist auf Einsteiger ausgerichtete Menüführung und Hilfefunktionen stehen einer DSLR in den meisten Punkt nicht mehr nach – lediglich Fotografen mit großen Händen fühlen sich an einem DSLR-Gehäuse deutlich wohler. Der Vorteil bei DSLRs: Durch das größere Gehäuse sind mehr Direktwahltasten unterzubringen. Wo man bei einer DSLR direkten Zugriff hat, muss man bei vielen Spiegellosen erst ins Menü.

Beim Sucher ergeben sich allerdings klare Vorteile für die Spiegelrefexkamera. Man muss anerkennen, dass die digitalen Sucher der Systemkameras bereits sehr hochaufösend sind, einen optischen Sucher mit Spiegelsystem können sie aber bis heute nicht ersetzen. Der Blick durch den Sucher einer digitalen Spiegelrefkamera ist dagegen eine Offenbarung: Man wird mit einem sehr hellen, brillianten und (natürlich) ruckelfreien Ausblick belohnt. Kleiner Vorteil der digitalen Sucher: Bei wenig Licht fungiert der Sucher quasi als Restlichtverstärker – zudem zeigt er immer exakt den Bildausschnitt, der später auch aufgenommen wird, was bei digitalen Spiegelreflexkameras oft nicht zu 100 Prozent der Fall ist. Alles in allem macht das Fotograferen mit einem optischen Sucher der DSLRs aber deutlich mehr Spaß. Eine Ausnahme macht hier die Fujiflm X-Pro1. Die kompakte Systemkamera bietet ein Hybridsucherkonzept und kann wahlweise mit optischem Sucher oder digitalem Sucher betrieben werden. Preislich liegt die Fuji allerdings in hohen Dimensionen und schlägt inkl. Objektiv mit über 2000 euro zu Buche.

Bildergebnisse und kreativer Spielraum

Die Sensortechnologien beider Systeme sind auf einem sehr hohen Niveau angesiedelt. Die Größenunterschiede der verbauten Sensoren sind trotzdem nicht unter den Tisch zu kehren, wie zu Beginn dieses Artikel bereits erwähnt. Wünschenswert ist generell eine geringe Pixeldichte – bei kleinen Sensoren (wie zum Beispiel den 4/3) müssen aber bauartbedingt viele Pixel auf einer kleinen Fläche ihren Platz fnden. Hat man also keine Systemkamera mit großem APS-C Sensor, wird die Leistung bei hohen ISO-Werten trotz ausgefeilter, interner Entrauschungs-Algorithmen nie die Leistung einer DSLR oder Systemkamera mit großem Sensor erreichen. „Low-Light-Königinnen” bleiben also nach wie vor Spiegelreflexkameras oder Systemkameras mit großem Sensor wie beispielsweise die Sony NEX-7.

In gleichem Maße nimmt auch die Möglichkeit, eine sehr geringe Schärfentiefe zu erzielen, proportional zu der kleineren Sensorgröße ab. Mit lichtstarken Objektiven und Gebrauch einer großen Blendenöfnung kann man diesem Efekt zwar entgegenwirken – den Look eines Fotos, das eine DSLR mit lichtstarkem Objektiv zu Papier bringt, wird man aber beispielsweise mit einer Nikon J1 nur schwer erreichen. Besser freistellen und den Hintergrund somit in eine cremige Unschärfe tauchen kann man aber auch mit einer Systemkamera deutlich besser, als mit typischen Kompaktkameras. Anwender, die Landschaften, Architektur und Co. fotografieren, wird das geringere Freistellungspotential allerdings kaum stören – ganz im Gegensatz zu Liebhabern von Portraitaufnahmen.

Bei ausreichend Licht sind die Bildergebnisse bei fast allen spiegellosen System überzeugend. Bei typischen Urlaubsaufnahmen wird man im direkten Vergleich kaum Unterschiede zu einer DSLR erkennen, sofern an der Systemkamera ein ordentliches Objektiv montiert wurde. Auch die Detailzeichnung und Farbwiedergabe stehen den Bildergebnissen einer Spiegelreflexkamera nur minimal nach. Teure Systemkameras, wie beispielsweise die NEX-7 oder die Samsung NX200, sind sogar absolut auf Augenhöhe mit einer günstigen Einsteiger-DSLR inklusive Kit-Objektiv (oder teilweise noch besser), reißen aber ein größeres Loch in die Hobbykasse.

Welches Konzept ist nun das Richtige?

Eine Frage der Priorität: Sucht man einen kompakten, leichten Alltagsbegleiter, mit dem man nicht auf Wechselobjektive verzichten muss, ist eine spiegellose Systemkamera die perfekte Wahl. Wer dagegen eine kompromisslos leistungsfähige Kamera sucht, die auch bei bewegten Motiven oder schlechten Lichtverhältnissen die maximale Qualität liefert und im harten Alltagseinsatz robust ihren Dienst verrichtet, ist mit einer digitalen Spiegelreflexkamera augenscheinlich besser bedient. Prinzipiell kann man sich allen Vor- und Nachteilen beider Systeme anpassen. So gibt es beispielsweise sehr kompakte Festbrennweiten für DSLRs, die das Gesamtgewicht und die Abmessungen im Rahmen halten. Auf der anderen Seiten kann man seine spiegellose Kamera mit einem hochwertigen, lichtstarken Objektiv ausrüsten und so das geringere Freistellungspotential und die schlechteren Ergebnisse bei wenig Licht kompensieren. Das kostet allerdings Geld und man büßt je nach Objektiv wieder einen Teil der Kompaktheit ein.

Die Presse ruft mittlerweile„das Ende der Spiegelrefex-Ära“ aus. Das kann man so nicht stehen lassen, denn je nach Anwendungszweck ist einen spiegellose Systemkamera kein vollwertiger Ersatz für eine Spiegelrefexkamera. Spiegellose Kameras bedeuten nicht den Tod des DSLR-Segments, einen gewissen Marktanteil werden sie allerdings sicherlich einbüßen. Man kann aber sagen, dass die Spiegellosen für den Hausgebrauch eines durchschnittlichen Anwenders mehr als ausreichen und eine Spiegelreflexkamera nicht zwingend zu besseren Ergebnissen führen würde. Aber sind wir ehrlich: Wer wird bei dem satten „Klack“ des einschlagenden Spiegels einer DSLR nicht schwach?

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This entry was posted onDonnerstag, April 19th, 2012 at 00:51 and is filed under Fragen, Kameras, Technik. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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